Reprocessing reality im Château de Nyon und PS 1 MOMA

von Claudia Spinelli im Katalog zur Ausstellung (English below)

Eine Lichtquelle, ein Sockel, ein Schatten auf der Wand: Philipp Gassers Installation ”I’m an Exhibition” ist auf den ersten Blick eine recht simple Angelegenheit. Nur, dass die Lichtquelle kein gewöhnlicher Scheinwerfer ist, sondern ein Videoprojektor. Dieser produziert fiktive Bildschemen, die sich mit dem realen Schatten zu einer kleinen Animation verbinden. In der Interaktion mit seinem fiktiven Schatten beginnt der kubische Sockel scheinbar zu wachsen, er vervielfacht sich oder wird weich wie schmelzendes Eis. Ein grafisch anmutendes Muster verwandelt sich in ein Hochhaus, verdoppelt sich zum Zwillingsturm, um alsbald wieder auf Realgrösse zu schrumpfen. Menschen kommen und gehen, Wolken ziehen auf, Blitze zucken. ”I’m an Exhibition” ist ein Wechselbad zwischen inhaltlicher Aufladung und formalistischer Entleerung.

Gassers Installation steht in der Tradition des sogenannten Expanded Cinema, des erweiterten Kinos der siebziger Jahre. Die Pioniere jener Zeit wollten die filmische Illusion zugunsten eines realzeitlichen Bezuges aufbrechen und holten den Film von der flachen Leinwand des Kinos in den dreidimensionalen Museumsraum. Dieselbe Verschränkung zwischen Werk, Betrachter und Raum spielt auch bei Gasser. Spätestens dann nämlich, wenn unser eigener Schatten mit dem animierten Schatten der Projektion verschmilzt, sind wir Teil eines Kunstwerkes geworden, das seinen Sinn nicht aus der Referenz auf einen dargestellten Gegenstand bezieht, sondern sich im Hier und Jetzt als Wechselspiel mit unseren eigenen Assoziationen und Erinnerungen entfaltet. Dass Gassers Spiel um einen Sockel und damit um den Inbegriff überkommener Tradition kreist, ist nicht ohne Ironie. ”I’m an Exhibition” ist durchdrungen von der Nonchalance eines Nachgeborenen, für den die Errungenschaften der Vorgängergeneration zur Selbstverständlichkeit geworden sind.

Claudia Spinelli im Katalog zu der Ausstellung ”Reprocessing Reality
während des Dokufestivals ”vision du reel” château Nyon Schweiz, 2005
P.S. 1 MOMA New York, 2006


A light source, a pedestal, a shadow on the wall, Philipp Gassers installation „I’m an Exhibition“ appears at first to be quite uncomplicated. However, the light source is not a spotlight, but a video projector. This produces fictive pictorial schemes which coming with the real shadow to create a small animation. In the interaction with its fictive shadow the pedestal seems to grow, to replicate or to become soft, like melting ice. An apparently graphic pattern mutates into a skyscraper, splits into twin towers, only to shrink again to its real size. People come and go , clouds gather, lighting flashes. „I’m an Exhibition“ alternates between supercharged content and formalistic evacuation.
Gasser’s installation stands in the tradition of the so-called „expanded cinema“ of the 1970s. The pioneers of that period wanted to break out of filmic illusion into a realtime reference, and brought film away from the flat cinema screen into the threedimensional space of the museum. Gasser also plays with this entanglement of work, spectator and space. When our own shadows merge with the animated shadows of the projection we have become an integrated part of the artwork, whose meaning arises not through a relationship to an object presented to u, bur which unfolds in the here and now as an interplay with our won associations and memories. That Gasser’s play is around a pedestal and thus an embodiment of a surpassed tradition not without irony. „I’m an Exhibition“ is permeated with the nonchalance of the next generation who now tkes for granted the achiwvements of theris elders.

Claudia Spinelli, „Reprocessing reality“
Château de Nyon / P.S.1 MOMA New York, 2005/2006
Catalogue to the exhibition p.62