Letizia Schubiger schreibt über die Werke von Philipp Gasser in Katalog Kunst BL, Die Kunstsammlung des Kantons Basel-Landschaft und Kunst am Bau, 1990-2003, kulturelles.bl/Museum.BL, Liestal, 2004

Phillipp Gasser hat sich seit seinen künstlerischen Anfängen mit der Zeichnung beschäftigt und ist als Illustrator mit der figürlichen Kunst vertraut. Als audiovisueller Gestalter ist er dem Akt des Zeichnens nachgegangen und hat eine aufwändige Computertechnik entwickelt. Sie erlaubt ihm , die eigene Formsprache digital zu erzeugen und als Abfolge von Animationssequenzen in Bewegung zu versetzen. Thematisch inszeniert Gasser in seinen Arbeiten Alltagssituationen, in denen er häufig als Hauptfigur erscheint. Er spricht das Publikum auf sehr direkte Art an, involviert es gleich in eine bestimmte Situation und lässt es teil seines Werkes werden. Es geht Philipp Gasser dabei nicht um Selbstdarstellung; er stellt sich als unpersönliche Erscheinung dar, inszeniert sich als „Mensch schlechthin“ und kreiert eine Figur, mit der wir uns alle identifizieren können.

In der Installation“ Passing by“ von 1998 wird seine Arbeitsweise ersichtlich. Im Bild bewegt sich die Figur eines jungen Mannes, schaut uns an, scheint uns etwas mitteilen zu wollen, blinzelt uns zu, macht uns neugierig. Wir stehen im Raum und beobachten plötzlich, dass wir beim Durchschreiten des Projektionsstrahls Teil dieser Szene werden. Die unerwartete Begegnung zwischen der projizierten Männerfigur und dem eigenen Schatten wir zum Erlebnis. Für einen Augenblick überlagert der eigene Schatten die Umrissfigur an der Wand – wir werden zum Mit-Protagonisten. Unserer physische Präsenz im Raum interagiert mit der animierten Figur auf der Wand. In „Passing by“ spricht Gasser auch das Bewusstsein um die eigenen Erscheinung an, beispielsweise unser Verhalten, wenn wir uns beim Flanieren in einem Schaufenster spiegeln.

In der Computerarbeit „Rentrer“ zeigt Philipp Gasser die Porträts seiner Eltern. Der Künstler, der sich oft mit dem Thema Heimat auseinandersetzt, hat sich für diese Arbeit eingehend mit seinem Vater und seiner Mutter unterhalten. „Rentrer“, nochmals heimgehen, seine Eltern zeichnerisch erfassen, das erweckte in ihm auch ein Heimatgefühl.

Die am Computer andeutungsweise gezeichneten Köpfe werden mit einem Animationsprogramm nachgezeichnet, das die einzelnen Striche einer Zeichnung weiter bearbeitet, verdichtet, mehrmals überlagert (hier bis fünfundzwanzig Mal) und immer wider neue Bildmotive generiert. manchmal bauen sich in der Abfolge die Bilder zu dichten Knäulen von schwarzen Strichen auf, so dass die Gesichter eine abstrakte Erscheinungsform erhalten. Bei dieser Arbeit hat Philipp Gasser die Herausforderung interessiert, bloss mit Linien eine Dreidimensionalität zu erzeugen; zeichnerische Hilfsmittel wie Schattierungen oder Schraffierung um Volumen zu geben, stehen nicht zur Verfügung. Das computergenerierte zeichnen kann der Künstler kontrollieren. Die Spur der menschlichen Hand ist in der Computeranimation nicht mehr sichtbar, die Zeichnung wird zur Ansammlung von Zeichen. Animationsbild und Zeichnung vermischen sich und lassen hybride Darstellungen entstehen: Abbild, Porträt oder etwas dazwischen? Im interaktiven Wechselspiel bewegt sich Gasser an der Grenze zwischen Wirklichkeit und virtueller Erscheinung – spreng dabei die Gattung der Zeichnung.